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Um Himmels Willen, Kind! Oder wieso ich gerne oft die Klappe halte…

Ich kann das nicht. Der Gedanke kam mir nicht nur gestern beim Mittagessen. Nein, viel viel öfter in letzter Zeit ploppte dieser Satz in meinem Kopf auf – und noch tiefer, in meinem Herzen. Was genau ich nicht kann? Also abgesehen von Putzen und Kochen bestimmt eine ganze Menge noch. Aber darum ging es hier nicht. Ich kann das „normale“ Konzept von arbeiten gehen, konsumieren als „Schmerzensgeld“ und über alles und jeden klagen einfach nicht. Ich passe dort schon lange nicht mehr hin. Der Prozess, den mein Umfeld gern als „diverse Phasen“ abgetan hatte, hat aber im Grunde etwas sehr beharrliches, kontinuierliches an sich gehabt. Und in Berlin kam sehr sehr viel davon zutage. Im Grunde fast alles. Alles, was ich jetzt bin, bin ich schon immer gewesen, aber sichtbar für andere erst seit Berlin. Ich vermisse die Berge, ich möchte zurück in die Heimat, jedoch zweifele ich im Moment immer noch daran, dass Bayern die richtige Heimat für mich ist. Berge gibt es auch woanders. Natur und Ruhe auch. Mir fehlt tatsächlich auch das Bayerische, denn im Bayerischen habe ich wesentlich mehr Vokabeln, die meine Emotionen so präzise ausdrücken, wie es das Hochdeutsche nie könnte. Aber ich fühle mich für Bayern und meine Heimat noch nicht bereit. Zu viele alte Strukturen, zuviel von mir, das ich verteidigen müsste. Gefühlt und vielleicht auch reell. Ich wollte schon immer verstanden werden, und nicht verstanden werden tat mir so sehr in der Seele weh, dass es körperlich schmerzte. Tut es immer noch.

„Um Himmels willen, Kind! Du kannst doch nicht den Fernseher verkaufen!“ -“Zu spät.“

Mein Umfeld denk tatsächlich, mir ginge es schlecht, weil ich den Fernseher verkaufen musste. Ja, verflucht, ich bin wegen Umzug und ein paar anderen Katastrophen jetzt bereits pleite. Passiert mir einmal in fünf Jahren. Nun ist es eben wieder soweit. Typisch Oktober/November. Autosteuer, Versicherung und dieses Mal spontan ein Umzug. Aber: den Fernseher zu verkaufen war jetzt nicht so, als würde ich eine Niere spenden. Eher einen Nierenstein.

Ich miste regelmäßig aus. Kleidung, die ich selten oder länger als ein paar Wochen nicht getragen habe, wird meist einen Tag bewusst Probe getragen und dann verschenkt, verkauft, vertauscht. Hauptsache Ballast abwerfen. Ich will mich nur noch mit Dingen umgeben, die ich mag, zu denen ich einen Bezug habe (meine Kitschtassen vom Bauernmarkt in Portugal!) und die mich nicht an irgendetwas ketten. Beim Umzug musste ich meinen wirklich heiß und innig geliebten goldenen Vintage Kronleuchter in den Keller verbannen. Ich wollte ihn absolut nicht verkaufen. Und nun, vier Wochen später? Finde ich es traurig, dass er im Keller niemanden erfreut. Und wer weiß, wann und ob ich ihn je wieder „brauche“? Also ab in die Kleinanzeigen.

Ich kann und will auch bei Kosmetik keine tausend Tiegel im Bad stehen haben, wozu denn auch? Den schönsten Teint macht immer noch Freude am Leben und frische Luft. Und Freude am Leben bekomme ich wenn ich meinen Hund ansehe, Zeit mit ihm verbringen darf und die Menschen sehe, die mir am Herzen liegen. Und die mich verstehen und genauso akzeptieren. Die auch den Unterschied erkennen, dass es für die meisten Menschen zwar völlig legitim und normal ist, alle paar Wochen zum Friseur zu gehen (man muss sich ja pflegen), ins Fitnessstudio (auch der Körper muss trainiert werden – für meiner Meinung nach ein sehr fragwürdiges, austauschbares Aussehen) ins Nagelstudio (man gönnt sich ja sonst nichts) und hier ein Schnäppchen und da ein Schnäppchen. 10 verschiedene Shampoos rumstehen? Klar, man braucht ja Auswahl. KANN man alles machen. ABER: dann einen halben Herzinfarkt bekommen, wenn ich für ein paar Schuhe (weil das vorherige Paar nach Jahren endgültig den Heldentod starb) mal 200 Euro ausgebe, oder mich die Tätowierung, die das alte Elend überdecken soll (das alte Elend bin nicht ich, sondern die alte Tätowierung, nur mal so nebenbei bemerkt) ein Vermögen kostet? Jo. Klar ist das nicht ohne. Aber dafür kostet mein „Shampoo“ in der Regel äh fast nichts? Weil ich seit Monaten eine Waschnussseife als Shampoo und Duschgel benutze, die unter einem Euro kostet, weil ich Alepposeife auch zum Zähneputzen nehme und meine Klamotten meist 2nd Hand kaufe oder diese schon über 15 Jahre habe (okay, das sind die wenigsten).

Im Grunde war Zuza der Anstoß. Ich wollte, dass sie glücklich ist. Ich glaube, ich wollte niemals zuvor so sehr, dass ein anderes Wesen zufrieden durchs Leben geht, bis ich auf Zuza traf. Und die Erkenntnis, dass Zuza nur dann zufrieden und glücklich leben kann, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, traf mich ziemlich hart. Meine Prioritäten verschoben sich dann nach und nach, jedoch alles ohne inneren oder äußeren Zwang. Es passierte. Ganz natürlich. Dann kam das Bouldern. Und ich begriff meinen Körper plötzlich als wunderbares, kräftiges Werkzeug. Ich fing an, meinen Körper zu lieben – und die Bewegung. Zuza für die Seele, Bouldern für den Körper. Und doch beides untrennbar verbunden. Ich lernte, was ich wollte und was ich nicht wollte.

Ja ich bin ein schräger Wirrkopf mit vielen Macken, aber auch darum liebe ich Berlin. Weil hier viele so sind wie ich.
Ein kleines bisschen wird er mir ja schon fehlen, mein Fernseher… kein Buffy mehr auf 32 Zoll 😀

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