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Balkon-Geschichten oder der Surfer Boy, der nur kuscheln wollte

Während ich diesen Beitrag tippe, sitze ich zwischen gepackten (und noch mehr ungepackten) Kisten. Meine letzte Nacht in dieser Wohnung. Ich bin locker 15 Mal umgezogen, das hier ist der dritte Umzug innerhalb Berlins. Und doch wiegt er am meisten. Bzw. hätte er wiegen können. Noch vor einem Jahr wäre ich ausgerastet vor Freude, endlich hier wegziehen zu können. Dabei liebe ich diese Straße, die anderen Bewohner im Haus und die ganze Gegend. Wer den alten Blog noch in Erinnerung hat, weiß, dass ich mich über 2 Jahre mit jemandem abgemüht habe, der 2 Häuser weiter wohnt. Mein Helfersyndrom brachte mich schon in manch dämliche Situation, aber 2013 setzte ich schlicht allem die Krone auf.  Anfang 2016 wollte ich dann unbedingt und sofort alles ändern, mich von allem frei machen. Tja, Berlin halt. Da geht alles seinen eigenen Gang. Und so „musste“ ich weiter in der Bude ausharren, machte sie mir doch endlich gemütlich. Und vergaß, wer neben mir wohnt. Nicht, dass er es mich hätte vergessen lassen… Aber statt abgestumpft fühlte ich mich schlussendlich immer freier. Kein Zugzwang, kein Umzugszwang. Kein Weglaufen mehr. Das, was ich am besten konnte, ließ mich Berlin nicht machen. Also blieb ich, hielt aus und merkte, dass es irgendwann nicht mehr anstrengend war. Daher: dieser Umzug ist, weil es ein spontanes Angebot war, und ich einfach Bock drauf hatte. No big deal.

Zum Abschluss dieser Wohnung lasse ich euch dann aber doch noch ne kleine Geschichte aus dieser Straße hier…

Getting rid of an illusion

Juni 2015
Vor zwei Wochen entdeckte ich IHN am Balkon gegenüber. Surfer-Typ, blondes Haar, braungebrannt, extrem lässig. Ich fühlte mich wie 15, als ich kleines Metal-Mäuschen diesen Typ Mann immer aus der Ferne betrachtete wie ein Studienobjekt. Auf welchen Typ Frau steht er wohl? Sportlich? Sicherlich. Oder völlig tussig? Man weiß es nicht. Auf unsportliche, schwarz tragende Außenseiterinnen sicherlich nicht. Der Typ Mann verschwand dann aber zügig wieder aus meinem Kopf, denn wozu sich mit etwas beschäftigen, was sicherlich niemals die eigenen Wege kreuzt? Und dann – 17 Jahre später – im Hochsommer in Berlin, tauchte er wieder auf. Surfer Boy. Ich wusste gar nicht, ob er mich überhaupt sah, ich jedenfalls blickte hoch zu ihm (welch interessante Symbolik), da sein Balkon ein Stockwerk weiter oben war. Ich wusste nicht, ob er überhaupt dort wohnte, oder nur zu Besuch war. In erster Linie hatte ich einfach Spaß daran, diesen braun gebrannten Schönling gegenüber anzugucken, wenn ich auf meinem Balkon Kaffee trank. Oder Bier. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, es würden sich flüchtig unsere Blicke kreuzen.
Eines schönen Abends saß ich mit meinem Mädel bei einem Bierchen draußen, da tauchte er wieder auf. Wir zwei gackerten wie Teenies rum und ohne jemals den selben Typ Mann gut zu finden – DEN da fanden wir beide echt schnucklig. Doch zack, er war nicht allein, und als ob sie (ja sie) gemerkt hatte, dass unser Abendprogramm von DVD schauen erstmal auf Balkonschauen verlegt wurde, gab es eine filmreife (unglaublich affige) Knutscherei. Nach einem Lachkrampf zogen wir es dann doch vor, die eigentliche DVD  „2 an einem Tag“ (Yeah, Chips und Schnulzen Samstag!) anzusehen.
Und schon verschwand Schönling wieder von meiner Bildfläche, wie vor 15 Jahren.

3 Wochen später…

Völlig verschwitzt wachte ich auf. Knappe 5 Stunden Schlaf intus, verquollenes Gesicht gratis obendrauf. Die Bude total staubig und eine Rumpelkammer. Als ich letzte Nacht nach 8 Stunden Fahrt wieder in Berlin ankam erwartete mich – nichts. Außer einer unaufgeräumten Wohnung. Ich schaffe es nämlich NIE, die Wohnung VOR einem geplanten Trip ordentlich und sauber zu halten. Niemals, nicht.

Wegen Hitze und Hund im Auto hatte ich gestern beschlossen, nicht eine weitere Nacht vor Ort zu verbringen, sondern die Nachtstunden zu nutzen – um Hund und mir einen Gefallen zu tun. Abkühlung gab es zwar keine, aber auch wenigstens keine beißende Sonne.
Kaffee. Kaffee ist ein guter Plan. Dann erst duschen, denn wozu duschen, wenn man sowieso gleich wieder eklig klebt. Also wankte ich schlaftrunken und klebrig in die Küche, zumindest den Kaffeeautomat schaffe ich es, freizuhalten. Ich weiß schon, warum. Immer noch völlig kaputt und irgendwie auch ziemlich angewidert davon, wieder im Moloch Berlin zu sein, verfrachtete ich meinen Körper auf den Balkon. Hund lag wie immer (nicht nur bei der Hitze) UNTERM Bett. Balkon? Kam nicht infrage. Aber noch knallte die Sonne nicht sonderlich runter, und um 9 Uhr morgens ist sonntags in meiner Straße sowieso tote Hose – und das Klima auf dem Balkon erträglich. Für jemanden, der lieber nach Schottland auswandern würde.

Mit halb geschlossenen Auge blinzelte ich zum Balkon rüber – dort wo vor einigen Wochen plötzlich ein schicker Typ aufgetaucht war, Typ Surfer-Boy, inkl. fetter Balkonknutscherei mit seiner Freundin. Aber nett anzusehen. Immerhin. Und was sehen da jetzt meine entzündeten Augen? Surfer Boy scheint auch schon (oder noch?) wach zu sein! Mit Gitarre bewaffnet schmettert ein einen Song nach dem anderen, angefangen mit – oh la la – love don´t cost a thing… So kann man also auch schmelzen, ganz ohne Sonne… Während ich diesen Umstand gleich fleißig meiner liebsten Freundin mitteilen musste – ja manchmal bin ich noch 15 – schien Surfer Boy mich zu entdecken. Dass so jemand mich überhaupt wahrnimmt, ne, also wirklich nicht. Zu allem Überfluss fing er auch noch an zu winken. Ja wie denn nun? Zurückwinken? Öh, geht klar. Das kann ich noch. Brav klatschte ich dann auch nach dem – dritten? – Lied Beifall und Surfer Boy verbeugte sich artig.
Perfekter Zeitpunkt um einen Abgang zu machen und Fellnase Gassi zu führen…

Doch, haha, manchmal bin ich ja dann doch waghalsig und ging einfach mal unter seinem Balkon Gassi. Erwischt! Von oben herab kam gleich mal ein Kompliment an meinen Hund. <3 Kurzs Geplänkel, dann auf Kaffee in 30 Minuten bei ihm geeinigt (ich konnte ja keinen in meine Bude lassen).

Den Abspann halte ich dann mal kurz: es gab keinen Kaffee. Dafür einen anlehnungsbedürftigen Typ, der halt gerne ne kleine, bequeme Sonntagsschmuserei gehabt hätte. Mit weniger bekifft sein, weniger Zahnpasta am Mundwinkel und ohne Bier um 9 Uhr morgens wäre ich da vielleicht nicht so kleinlich gewesen… so aber machte ich nach dem dritten Angrabschversuch ziemlich flott nen Abgang. Man(n) kanns ja mal probieren, ne? 😀

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